Der Blick nach Osteuropa


Seit 1989 scheint sich die Spur des interkulturellen Austausches mit unseren osteuropäischen Nachbarn, unter dem fokussierenden Blick nach Westeuropa (aus ostdeutscher Sicht), zu verlieren. Wir wollen einen Dialog in Gang setzen und sie wieder aufnehmen. Mit der EU-Osterweiterung findet aktuell in vielen Ländern des ehemaligen Ostblocks eine spannende und sukzessive Angleichung der Lebensstile statt. Postsozialistische und länderspezifische Eigenheiten fallen unter den Einfluss westlich denkender Demokratien. Wie passt das gesellschaftliche Phänomen Street Art in dieses Bild? Wie wirken sich Ländercharakteristika auf die, oben beschriebene, Schnittstelle zwischen Betrachter-Stadt-Gesellschaft aus? Wie entwickelt sich die Jugendkultur?

Gemeinsam mit Institutionen und Künstlern der Partnerstädte Cluj (Rumänien) und Wroclaw (Polen) soll bezogen auf das Thema Street Art ein Dialog/ Diskurs zwischen jungen Menschen gestartet und ausgebaut werden.



Projektbausteine


1.Analyse und Einordnung von Street Art:

Zu Beginn wird eine Wissensbasis geschaffen, auf die im weiteren Verlauf zurückgegriffen werden kann. Durch Literaturrecherche und Experteninterviews werden zunächst grundlegende Informationen zum Phänomen Street Art gesammelt.

Dem Thema wird sich auf künstlerischer und wissenschaftlicher Ebene genähert. In Berlin und Halle werden Quartiere (Hot Spots) bestimmt. Ziel ist es, Street Art hinsichtlich ihrer Verortung sowie der möglichen Dechiffrierung bzw. Decodierung zu charakterisieren.

Die in den Hot Spots befindlichen Street Arts werden hinsichtlich ihrer Eigenschaften katalogisiert und in den städtebaulichen Kontext eingeordnet. Die dadurch entstehende Bewertungsmatrix ermöglicht Schlussfolgerungen und sichert die Vergleichbarkeit mit den Street Art Hot Spots der Partnerstädte in Osteuropa. Eine Dokumentation fasst die Erkenntnisse des Abschnitts zusammen, auf dessen Basis die diskursive Wissensgenerierung und der Erfahrungsaustausch des zweiten Projektbausteins entstehen können. Wir gehen davon aus, dass Wissen, neben der Analyse von Literatur oder der quantitativen Erhebung, maßgeblich durch die Kommunikation während eines Diskurses generiert wird.


2.Dialogeröffnung und Wissensaustausch:

Den Anfang des freien Dialogs bildet ein themenoffenes interkulturelles „Open Space“ – ein Brainstorming mit ExpertInnen zu Street Art mit den Partnern aus Polen und Rumänien in Halle Glaucha. In Foren sollen Ideen, Anregungen und neue Perspektiven für einen erweiterten Zugang zum Thema gefunden werden. Weiterhin wird die praktisch-aktive Auseinandersetzung zwischen Künstlern über einen Street Art Wettbewerb (Street Art-Battle) erfolgen. Die hier entstehenden Werke werden Teil der Gestaltung des öffentlichen Raumes – ein Dialog mit den Grundeigentümern vakanter Gebäude in Halle-Glaucha.


3.Fachexperten hinzuziehen/ Wissenstransfer:

In einem weiteren Schritt werden „Pao Waos“ in Halle in der Galerie für den zeitgenössischen Raum „archcouture“ veranstaltet. Mit diesen „Insider-Zusammenkünften“ als Themenabende werden uns offene Fragen aus den Bereichen des Street Art-Spektrums beschäftigen. Referenten der Stiftung Bauhauses Dessau, der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, der Hochschule für Kunst und Design Burg Giebichenstein, der Partnerinstitutionen aus Cluj und Wroclaw sowie Street Art-Künstler werden jeweils Stellung beziehen. Dabei werden folgende Handlungsstränge besprochen:

- Straßenkunst zur Aufwertung vakanter Stadträume,   

- Das Banksy Phänomen,

- Wem gehört der öffentliche Raum?

- Street-Art: Kunst am Bau!?

- Kommunikationswege von Street-Art.


4.Vernetzung schaffen – Dialog ausweiten:

Schwerpunkt von ROLLING URBS 72 ist die Vernetzung mit Osteuropa. Cluj (Rumänien) und Wrocław (Polen) sind Partnerstädte, in denen unsere „Botschafter“, die sich in der Kunst- und Kulturszene der Partnerstädte auskennen, den Austausch moderieren und koordinieren. In Workshops zu Street Art Techniken (Cut Outs und Stencil) laden wir ein, gemeinsam mit regionalen Akteuren, den Diskurs von Menschen mit unterschiedlichem kulturellen Hintergrund zu befördern. Dabei geht es um die Reflexion der Street Arts an den Hot Spots im Kontext der jeweiligen Stadtentwicklung.

Mit interkulturellen Street Art Workshops in Halle Glaucha und Leipzig findet der Dialog in eine Stadtteilszenerie statt. Mit einer Quartiers-Schule werden sowohl die Erkenntnisse aus den Untersuchungen diskutiert, aber auch gleichzeitig sollen Street Art Techniken praktisch erprobt werden.


5.Ergebnisse:

  1. Mit einer Website und einem Street Art Wiki (www.Rollingurbs72.com), einem Merchandising sowie der Erarbeitung eines Buches als Zusammenfassung der Untersuchungen/ Projektdokumentation soll nachhaltig das Thema qualitativ verankert werden.

Ein Forschungsprojekt geht auf Reisen. Reisen Sie mit uns!



ROLLING URBS 72 ist ein urbanistisches Forschungsvorhaben, das zum Ziel hat, einen trilateralen Dialog zwischen jungen Menschen aus Deutschland sowie Rumänien und Polen zu starten und zu entwickeln. Die Thematisierung des Phänomens Street Art/ Straßenkunst und dessen Wirkung im öffentlichen Stadtraum soll Anstoß für einen interkulturellen Dialog sein.


Street Art kann als eine nonverbale und künstlerische Ausdrucksform für den öffentlichen Raum verstanden werden. Sie ist ein Kommunikationsmittel, vielleicht sogar eine Form einer Bildersprache, die überwiegend von jungen Menschen produziert wird.


Als Projektionsebenen der Gestaltung dienen Fassaden und Brandwände aber auch Teile der technischen Infrastruktur des öffentlichen Raumes, die das städtische Erscheinungsbild verändern. Es entstehen öffentliche Galerien – vielleicht sogar eine innovative Form dessen, was man bislang als Kunst am Bau verstand. Dabei entstehen vermutlich in Abhängigkeit von der Morphologie des Stadtraums linear gesehen, an so genannten Interaktionswegen (Straßenverläufen) kommunikative Orte - Hot Spots, die verschiedene Botschaften und Ausdrucksformen dieser Kunststilrichtung vereinen.


Inwieweit auf Themen mit gesellschaftlicher Relevanz, wie beispielsweise Stadtumbau, gesellschaftliche Transformation, (lokal-) politische Positionierungen oder soziale Benachteiligung Bezug genommen wird, ist eine Frage der Dechiffrierung/ Decodierung bzw. hängt von der sozialen Zugehörigkeit der Street Art-Gestalter ab. Botschaften entstehen erst im Kontext des Raumes und differieren je nach Betrachter und gesellschaftlichem Hintergrund (Schnittstelle zwischen Betrachter-Stadt-Gesellschaft).

Was in Großbritannien durch den international anerkannten Künstler BANKSY als gesellschaftlicher Ausdruck und Prozess einer Jugendkultur Anerkennung findet, entwickelte sich in Deutschland zu einem populären aber immer wieder umstrittenen Thema.

Ausführliches über RU 72

ROLLING:    steht sinnbildlich für die Rolltechnik zum Auftragen der Motive an Fassaden

URBS:          bedeutet Stadt, als Lebens- und Interaktionsraum

1972:            Entstehungsjahr der Europahymne (Ode „An die Freude“) als Ausdrucksmittel der Einheit Europas: Mit hohem Pathos beschreibt

                     die Ode das Ideal einer Gesellschaft von gleichberechtigten Menschen, die durch das Band der Freude und der Freundschaft

                     verbunden sind

Street Art in der Stadterneuerung


Dabei scheint Street Art in den schrumpfenden Städten Ostdeutschlands einer politischen Lösung im Städtebauförderprogramm „Stadtumbau Ost“ zuvor zu kommen: „Das die Attraktivität der Städte und Gemeinden als Orte des Lebens und Arbeitens sichern und erhöhen“ soll. Die vielfach leer stehenden und durch Einzeleigentümer im Stich gelassenen Gebäude in bester Innenstadtlage erfahren punktuell durch die ungefragte Nutzung der Fassaden durch jugendliche Street Art-Künstler eine Vergesellschaftung. Mehrheitlich wird die Meinung in den Kommunalverwaltungen vertreten, dass die ungefragte Nutzung wenig normativen Wert besitzt – gleichzeitig fehlen jedoch Patentrezepte den Hausbesitzern die (zwingend notwendige) Instandsetzung aufzuerlegen. Somit entsteht in einer Art Vakuum der Diskurs zwischen Annektierung ungenutzter freier Flächen und der Strategie eines traditionellen Sehen-Wollens auf die Stadt. Schrumpfende Städte befinden sich in einer anhaltenden Transformation. Dort, wo der (entspannte) Wohnungsmarkt leer stehende Häuser und Baulücken hinterlässt, entstehen interventionistische Räume.


Interessant scheint die Frage, ob eine gesteuerte Intervention neue Qualitäten in perforierten Stadträumen hervorbringen kann. Die Internationale Bauausstellung Stadtumbau 2010 in Sachsen-Anhalt hat in der Innenstadt der Stadt Aschersleben in einem Experiment durch eine DRIVE THRU Gallery auf baulückengroßen Medienwänden perforierte Straßenfluchten neu ausformuliert und somit auf Zeit Möglichkeiten geschaffen, den Grundstücksmarkt zu konsolidieren. Die Strategie eines Schrumpfens von den Stadträndern her, ermöglicht so, im Sinne der Charta von Leipzig, eine Neuverdichtung der historischen Mitte als Nukleus des Stadtlebens.


Die Übertragbarkeit dessen und der Nutzen scheint plausibel, weil die transformierten, vom Stadtumbau betroffenen Stadtteile, nicht mehr ihre Identitäten aus ihren Bewohnern beziehen und somit ein Image im Sinne eines Standortvorteils besteht. Die gesteuerte Intervention durch Street Art schafft durch einfache Lesbarkeiten die Möglichkeit im Sinne eines stadtplanerischen Beteiligungsmanagements im Gesamtprozess einer Stadterneuerung Anwohner in diesen Gestaltungsprozess hineinzuziehen – sie zu beteiligen, damit sie sich mit dem öffentlichen Raum identifizieren können und er für eine Nutzung attraktiver wird.


Im Grunde ist Street Art eines der (derzeit illegalen) Instrumente, Orten ein Image zu geben – den Ort zu branden – ihm eine Identität zu geben. Stadtreparatur ist neben den physischen Aufwertungsmaßnahmen innerhalb eines lokalen Wohnungsmarktwettbewerbs gleichzeitig den marktwirtschaftlichen Prinzipien eines New Urban Management unterlegen.

Hinsichtlich der möglichen Steuerungserfordernisse und vielleicht möglichen Implementierung von Street Art stellt sich die Frage danach, wie diese innovativen Milieus/ die Kreative Klasse vielleicht selbst eigene Trends in Form von kommunikativen Orten setzt und die vakanten Stadträume erobert.


Mit der Einrichtung eines Projektbüros im Halleschen Stadtumbaugebiet Glaucha in einem so genannten „Wächterhaus“ wird das Projekt ROLLING URBS 72 selbst zum Labor der Kreativen.


„Das Wissen um Standorte und Bedeutung der Kreativwirtschaft in einer Stadt ist die Voraussetzung strategisch zu handeln...“(Klaus R. Kunzmann, in: disP 175, 4/2008)


Daniela Krause von der Künstlergruppe KLUB7 und Frank Amey von urbanframe – Büro für Stadtplanung haben als Kuratoren gemeinsam mit Künstlern, Designern, Stadtplanern und Soziologen ein Forschungs- und Kommunikationsprogramm entwickelt, dass einerseits sachlich analytisch und andererseits experimentell ist.


Mit Unterstützung der Kulturstiftung des Bundes (KSB) sowie PartnerInnen und FachexpertInnen wird eine Möglichkeit der Diskussion zwischen den Jugendkulturen hergestellt. Im Folgenden finden Sie einen Überblick über die geplanten Projektaktivitäten.

Going Ons:


was aktuell abgeht. kurz und prägnant beschrieben, ausführliches zum Projekt                      ...mehr

Going Ins:


Infos über unsere Partner, die uns beim Vorhaben unterstützen               ...mehr

Street Art-WIKI


Stellt alles ein, was Euch zum Thema einfällt!            ...mehr